Mobilitätswende ja – aber gerecht!

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Bildquelle: Pexels CreativeCommons

Das Wort „Mobilitätswende“ hätte wohl gute Chancen, zum Wort des Jahres gewählt zu werden, eng gefolgt vom „Verbrenner-Aus“ – schon diese Schlagwörter lassen ahnen, dass es unterschiedliche Blickwinkel auf die rasante Veränderung der Mobilität gibt. Die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften (acatech) formuliert in der neuen Publikation „Horizonte“ einen Kerngedanken: Die Veränderung der Mobilität muss gerecht ablaufen.
Den Forschern ist es dabei wichtig, Mobilität nicht nur als die Möglichkeit zu begreifen, sich irgendwie von A nach B zu bewegen. Sie sehen in der Mobilität einen wesentlichen Faktor für gesellschaftliche Teilhabe, denn sie helfen dabei, Bedürfnisse wie Ernährung, Arbeit, Konsum, Freizeit oder Wohnen zu erfüllen, ebenso wie den Austausch mit anderen Menschen.
Mobilität von Menschen und Gütern erzeugt Verkehr – und Verkehr verursacht Staus, Luftverschmutzung und Lärm. Dazu kommt die Verkehrsinfrastruktur, die immer mehr Flächen benötigt und die Natur zurückdrängt.
Die Herausforderung, so die Forscher, besteht nun darin, eine Balance zwischen Umwelt, Verkehr und Mobilität herzustellen. Dafür spielen eine modernisierte städtische Verkehrsplanung eine ebenso wichtige Rolle wie Digitalisierung, grüne Energien und nachhaltigere Fortbewegungsmittel, von der Bahn über den ÖPNV bis zum E-Auto – aber all das funktioniert nur, wenn die Menschen als Konsumierende ihre Marktmacht nutzen, um Veränderungen voranzutreiben.
Die Forscher befürworten dafür die „Technologieoffenheit“ – für ZDK und VDA vermutlich auch heißer Kandidat für das Wort des Jahres. Während die Verbandsvertreter den Verbrenner nicht zu Grabe tragen mögen, sondern ihn lieber mit E-Fuels und Wasserstoff beatmen wollen, sieht die vorliegende Studie zumindest für die E-Fuels eher den Luftverkehr, Schiffe, die Bahn und große Trucks als sinnvolle Einsatzbereiche.
Wasserstoff dagegen hätte vielleicht das Potenzial, als elektrolytischer Energiespeicher einen wertvollen Beitrag auch zur individuellen Mobilität mit Pkw zu leisten, wie Untersuchungen des Nationalen Wasserstoffrats (NWR) nahelegen.
Bei allen Entwicklungen ist aber die Gerechtigkeit entscheidend: Mobilität muss für die Menschen bezahlbar bleiben. Dafür ist Technologieoffenheit tatsächlich wichtig – aber auch die Konzentration auf Nachhaltigkeit.
Für das Auto bedeutet das: Fossile Energieträger wie Benzin und Diesel müssen ersetzt werden durch klimaneutrale Energieträger. Die „grünen“ Energien müssen dabei bezahlbar bleiben, deshalb sind E-Fuels an der Tankstelle nicht konkurrenzfähig – Wasserstoff könnte es bei entsprechend großer Produktion aber werden. Generell gehen die Forscher aber davon aus, dass wir uns von unserer Fixierung auf das „eigene“ Auto lösen müssen. Gerechte Mobilität bedeutet eben nicht, dass sich jeder Mensch ein eigenes Auto leisten können muss. Das war früher auch nicht anders, nur heute gibt es alternative Mobilitätsangebote wie etwa das Carsharing.
Was bedeutet das auf lange Sicht für freie Werkstätten? Die Zahl der Autos auf den Straßen könnte ihren Zenit erreicht haben und künftig eher sinken. Benzin und Diesel werden deutlich teurer werden. Der Fuhrpark wird sich nach und nach modernisieren: Immer weniger reine Verbrenner, immer mehr Hybride und reine Elektroautos. Diese werden aber technisch und vor allem elektronisch komplexer. Die Auftragsfelder verschieben sich entsprechend, aber es wird weiterhin genügend Arbeit geben – und Reparaturen müssen für die Menschen auch weiterhin bezahlbar bleiben: Freie Werkstätten werden ihren Anteil an einer gerechten Mobilitätswende haben. (HPL)

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